Presse

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Drumfree
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Endersroom
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Wolfgang Muthspiel
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LOGOS
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MGT - Wolfgang Muthspiel, Slava Grigoryan & Ralph Towner
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Triology & Muthspiel
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material records
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Esen Aydin
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Max Frankl
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Paolo Thorsen-Nagel
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MAY

Neuer Klang und alte Mythen

Das Eidgenössische Schwingfest war ja wieder mal so ein Anlass, über eine Kluft zu debattieren, die tiefer scheint als der Röschtigraben: die zwischen der ländlichen und der urbanen Schweiz. Gibt’s die, oder wird sie nur beschworen? Was die Musik,
genauer: die Volksmusik angeht, muss ich meinem Kollegen und Mitthurgauer Urs Paul Engeler widersprechen, halten zu Gnaden. Durch den geht der Riss zwischen einem ländlichen und einem urbanen Schweizer ebenso wie durch mich. „Die Linken und Intellektuellen“ seien mit ihrem Versuch, die „’überholten Mythen’ des Landes
zu entsorgen und in ihren urbanen Hochburgen einen ‚modernen Patriotismus’ anzufertigen“ gescheitert (Weltwoche 33/10, 19.8.2010)? In der Musik haben diese die „Traditionen“ (auch wenn sie sie „roots“ nennen) erst eigentlich wieder
belebt, aus den Jodlerfest-Reglementen entfesselt und die „bluemeten Trögli“ so umgetopft, dass die auch jenseits des Ballenberg jemand schön finden kann. „Die Schweiz“ ist ja nicht nur ländlich oder urban, zur Hauptsache ist sie Uzwil, Delémont, Mendrisio oder eben Frauenfeld. Aus diesem buchstäblichen Mittel-
Land kommt die Faszination für das „Urchige“. In Wahrheit heisst die Alternative längst nicht mehr Jodlerfest vs. „folclore imaginaire“, sondern authentische Musik vs. Musikantenstadel.

Spezifisch „schweizerisch“ ist die Renaissance des Volksmusikalischen aus dem Geist der Improvisation ja auch nicht. Sie betrifft alle Volksmusiken der Welt, und insbesondere die alpenländischen. Dem Österreichischen Posaunisten Christian Muthspiel ist mit einem wilden Sextett aus zwei Amerikanern (Bobby Previte und Brad Jones an Drums und Bass), einem Schweizer (Michel Mathieu, Trompete),
einem Franzosen (dem Vibraphonisten Franck Tortiller) und seinem Austria-Kollegen Gerald Preinfalk (Klarinetten und Saxophone) eine hinreissende Hommage an das Authentische aus dem Geist des Zeitgenössischen gelungen. „Mit der gebotenen Ehrfurcht, aber ohne allzu grossen Respekt“ interpretieren sie, mal andächtig, mal ausgelassen, sieben Jodler, in stimmigen Arrangements und mit viel improvisatorischem Freiraum. Urban oder ländlich? Traditionell oder modern? Gute Musik. Reicht doch.

Peter Rüedi (Weltwoche, Zürich, 9/2010)

Dem Österreichischen Posaunisten Christian Muthspiel ist mit einem wilden Sextett aus zwei Amerikanern (Bobby Previte und Brad Jones an Drums und Bass), einem Schweizer (Michel Mathieu, Trompete), einem Franzosen (dem Vibraphonisten Franck Tortiller) und seinem Austria-Kollegen Gerald Preinfalk (Klarinetten und Saxophone) eine hinreissende Hommage an das Authentische aus dem Geist des Zeitgenössischen  gelungen. „Mit der gebotenen Ehrfurcht, aber ohne allzu grossen Respekt" interpretieren sie, mal andächtig, mal ausgelassen, sieben Jodler, in stimmigen Arrangements und mit viel improvisatorischem  Freiraum. Urban oder ländlich? Traditionell oder modern? Gute Musik. Reicht doch.

WELTWOCHE  Zürich, 2010

Here traditional Austrian yodels provide the melodic lines, which are stretched and bent instrumentally to the requirements of the jazz ensemble which adds its own rhythmic and harmonic embellishment. The result can be quite astonishing culture clashes - the New Orleans flavour of the traditional "Yodeler from Königsberg" is pure barrelhouse but ends with Alpine brass band flourish. The liner notes suggest that, "something special is bound to happen that you don't see every day," and for once this is not hyperbole. This album is something special, a delightful re-imagining of jazz with stellar contributions from Previte, Michel, Tortiller and Preinfalk - little gems like this don't come around that often.

JAZZWISE  London, 2010

Muthspiels Kammermusik

...Neben dieser Kunst des Austobens belegten allerdings strukturierte Projekte, dass sorgfältige kompositorische Planung von Improvisation mittlerweile mehr Sinn ergibt, als das ausschließliche Vertrauen auf die eigene Impulsivität. Die intelligent erdachte Kammermusik von Christian Muthspiel etwa widmete sich dem Jodel-Aspekt von Volksmusik auf stilisierte, instrumentale Weise und fand sich doch auch von wunderbaren Solisten (wie Trompeter Matthieu Michel) bereichert.

DER STANDARD, Wien, 2009

 

 

Hollerödödudeldö im Futur

Eine Jazzkapelle versetzt Berge: Der Posaunist Christian Muthspiel und seine Mitmusiker ziehen den klassischen Jodelmelodien die Lederhosen aus. Da wird geschprötzt und juchazt.

“Holleri du dödel di diri diri dudel dö.” – “Das genügt. Wir wollen jetzt versuchen, die bisher erarbeiteten Grundmotive des Erzherzog-Johann-Jodlers frei vorzutragen. Bitte, Herr Doktor Südermann!”

Loriots klassischer Sketch aus der Jodelschule ist so lustig, weil er das Jodeln ernst nimmt. Merke: “Das Jodeln, also das Diplomjodeln, das Jodeln mit Jodeldiplom, also mit Jodelabschluss, mit Jodeldiplomabschluss unterscheidet sich vom Jodeln ohne Diplom, ohne Jodeldiplom, das Diplomjodeln ist also nicht zu vergleichen mit dem Normaljodeln ohne Diplom, also ohne Jodelabschluss, Jodeldiplomabschluss.”

Christian Muthspiel jodelt ohne Diplom. Was nicht heißt, dass er das Jodeln weniger ernst nimmt. Der Jazzposaunist aus der Steiermark, älterer Bruder des Gitarristen Wolfgang Muthspiel, nähert sich mit seiner Yodel Group respektvoll, aber ohne übertriebene Ehrfurcht dem alpinen Vokalphänomen an. Dieses beschränkt sich nicht auf die Alpen. Auch im Kaukasus, Thailand, den amerikanischen Appalachen oder bei den Samen in Lappland haben sich Bewohner unwegsamer Gegenden akustische Techniken einfallen lassen, um über weite Strecken zu kommunizieren. Dass ein internationales Sextett Muthspiel unterstützt, ist also angemessen. Zwei Amerikaner, Bobby Previte und Brad Jones, bedienen Schlagzeug und Bass, der Schweizer Michel Mathieu bläst die Trompete, der Franzose Franck Tortiller spielt Vibrafon, und der Österreicher Gerald Preinfalk steuert Klarinetten und Saxofone bei.

Sie nehmen traditionelle Melodielinien – den Langenwanger, den Kogler, den Gußwerker oder den Mai-Jodler, der dem Album seinen Namen gibt – und strecken, stauchen, biegen sie. Aber sie brechen sie nicht. Muthspiel ist mit den urwüchsigen Lautäußerungen aufgewachsen, sein Vater, der Musikpädagoge Kurt Muthspiel, hat sie gesammelt, mit Chören aufgeführt und auch selbst Jodler komponiert.

Im Booklet des Albums May ist neben schwarzweißen Porträts eindrucksvoller Felsmassive ein Foto des neunjährigen Christian in Bergschuhen und Kniebundhose zu sehen, beim Vespern auf der Bergwiese, aufgenommen vom Vater. Nein, Christian Muthspiel will nicht dekonstruieren, dafür hat er den Jodler viel zu sehr verinnerlicht; er nimmt die Heimatmusik als Hebelpunkt, um Berge zu versetzen – in den Jazz.

Die Musiker vollziehen nach, was viele volkstümliche Stücke der Jodel-Regionen prägt: Das textlose Singen auf Silben wie “Holdudiradio” oder “Johodraeho” mit schnellen Wechseln zwischen Brust- und Falsettregister bestimmt häufig neben der Melodieführung auch die harmonische und rhythmische Gliederung. So auch in der Jazzvariante. Gern an Anfang und Ende, gelegentlich zwischendrin scheint die Melodie in ihrer Urform auf, das Musikantenstadl dräut trotz der ungewöhnlichen Besetzung dickbackig am Horizont wie Bates Motel – sekundenlang, bevor und nachdem sich die Musiker den Jodler aneignen und in ein ihnen geläufigeres Idiom übertragen.

Muthspiel und seine Mitmusiker ziehen den Jodlern die Lederhose aus und injizieren in den so von Kostümfolklore und Touristentracht entblößten corpus jubili Swing, Improvisation und durchaus auch Humor. Sie würzen die Tradition mit Barrelhouse-Geschmäckern aus New Orleans, kriegen den Edelweißblues, schprötzen, didgeridooen und juchatzen freejazzig ins Gebläse oder swingen übers Vibrafon, als sei Lionel Hampton ein steirischer Sennenbub. Muthspiel bedient auch Klavier, Vocoder und die Loop-Maschine, letztere prägen vor allem den spacigen Langenwanger, bevor der auf der Posaune geblasene Andachtsjodler als Schlussstück multifone Magie entfaltet.

Entstanden ist Christian Muthspiels Yodel Group als Auftragsprojekt für das Jazzfestival Saalfelden 2009. Es blieb nach der Premiere nicht beim Einmaljodler. Die musikalischen Ingredienzien ebenso wie die Klangkompetenz der beteiligten Künstler erwiesen sich als ausbaufähig. Die Balance aus Gemeinsamkeiten und unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht eine facettenreiche Annäherung an das Zeichensystem Jodeln. Ganz egal, ob das zweite Futur bei Sonnenaufgang nun Hollerö dö dudel dö oder Hollerö du dödel di heißt.

Volker Schmidt, ZEIT ONLINE(11/2010)