LOGOS
Kritik Orgelfest: Die Liebe vertreibt alle Furcht
22.07.2007 | 19:19 | WALTER DOBNER (Die Presse)
Beeindruckende Uraufführung von Wolfgang Muthspiels "Logos" beim Orgelfest
Zwettl.
Selbst die Kirchenglocken warteten ab, setzten erst nach dem letzten Klängen
der Uraufführung ein, die das vollzählig erschienene Publikum begeistert
akklamierte. Dabei hatte es Wolfgang Muthspiel ihm keineswegs leicht
gemacht. Denn „Logos“, einstündiges Auftragswerk für das 24. Orgelfest
Zwettl, lässt sich in keine der üblichen Kategorien einreihen. „Welche Sätze
tragen eine Wahrheit in sich und wollen vertont werden, umrahmt,
hervorgehoben durch Musik?“ – das stellte sich der Komponist als Aufgabe, er
wurde in der Bibel, dem Koran, in Schriften islamischer und christlicher
Mystiker fündig. Wie die einzelnen Texte verschiedene Wege zum
Gottes-Verständnis aufzeigen, kombiniert Muthspiel die Instrumente
unterschiedlich miteinander. Zum Teil assistieren und korrespondieren sie
mit den in ihrer Art exzellenten Solisten Rebekka Bakken und dem auf der
„Oud“ mit subtilem Klangverständnis prunkenden Dhafer Youssef. Faszinierend,
wie selbstverständlich die Sänger auch ihre musikalischen Wurzeln ins Spiel
bringen können – die charismatische Singer/Songwriterin Bakken ist mit
norwegischer Volks- und Kirchenmusik aufgewachsen, dem tunesischen
Komponisten und Vokalisten Youssef eröffnete die Mitwirkung im Ensemble
seines Großvaters erste Einblicke in die islamische Mystik.
Muthspiel schert sich bei seinem Opus um keinerlei Grenzen, er lässt sich
direkt vom Wort und dem Umfeld, aus dem es kommt, inspirieren, dazu von den
akustischen Gegebenheiten der Stiftskirche. Von knapper Deklamation bis hin
zu hymnischem Aufschwung reicht seine bewusst improvisatorische,
farbenprächtige, rhythmisch variantenreich schillernde Musik. Daran haben
auch die von meditativer Ruhe bis zu exaltierter Virtuosität reichenden Soli
– ausgeführt von den glänzenden Markus Stockhausen (Trompete, Flügelhorn,
Electronics), Tara Bouman (Bassklarinette) und Wolfgang Muthspiel selbst an
mehreren Gitarren – wesentlichen Anteil. Nicht zu vergessen Karl Schüllers
Tonregie.
Musikalische Ökumene, die bewegt und ergreift. „Liebe vertreibt alle
Furcht“, heißt es da: Ein aufmunterndes Entrée für das 25-Jahr-Jubiläum des
Orgelfestes 2008.
"Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2007
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