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Wolfgang Muthspiel

Ganz allein
JAZZTHETIK, 12/04 01/05

Ausgerechnet aus Österreich kommt ein Gitarrist, der seit Jahren zu den Top-Playern der Jazz-Szene gehört. Und jetzt hat Wolfgang Muthspiel auch noch ein Gastspiel in der Königsdisziplin gegeben: Solo heißt seine neue CD.

„Die Aufnahmen dieser Solo-CD waren für mich erfüllend, weil ich die Möglichkeit hatte, neue Aspekte des Musizierens für mich zu spüren und zu hören“, meint Wolfgang Muthspiel.

Wenn man seine bisherige Karriere so betrachtet, meint man, dass er nahezu alle Aspekte des Musizierens schon beackert hat. Da ist sein jüngstes Trio mit Brian Blade und Matt Penman, da war seine Zusammenarbeit mit Rebekka Bakken, da war seine hervorragende Trio-CD Perspective (Verve) mit Marc Johnson und Paul Motian, da ist seine Mitarbeit bei Mike Holober oder der Art-Folk-Punk-Band Beefolk, die auf Muthspiels Label material veröffentlicht hat, undundund. Aber eine Solo-Aufnahme hat er tatsächlich noch nie gemacht.

„Ich habe schon öfter mal Solokonzerte gespielt“, erzählt Muthspiel, „und wusste daher, dass eine Solo-Aufnahme irgendwann einmal kommen würde. Man spielt ja oft allein als Musiker, wenn man übt – und da passieren dinge, die sehr interessant sind. Die Platte soll aber gar keinen Performance-Charakter haben, sondern ganz unaufgeregt klingen.“

Experiment gelungen, kann man da nur sagen. Auf der beigefügten Schwarz-Weiß-Aufnahme lässt Wolfgang Muthspiel sich inmitten all seiner Effektgeräte abbilden, aber die dicken Backen hat er vor der Tür gelassen. Muthspiel hat es nicht nötig, sich virtuos aufzuplustern: Er überzeugt lieber durch Stimmung und Atmosphäre, und da ist Solo einzigartig. Es gibt nur wenig CDs von Sologitarristen (ein bisschen Bass ist auch dabei), die dermaßen entspannt und trotzdem spannend klingen. Bill Frisell möglicherweise oder One Quiet Night von Pat Metheny.

Wolfgang Muthspiel wurde 1965 im österreichischen Judenburg geboren und hat in Graz und Boston Gitarre studiert. Dort wurde er von Gary Burton für dessen Quintett engagiert. Muthspiel lebte von 1995 bis 2001 in New York und ist seitdem in Wien ansässig. Noch in New York hat er 1996 die bereits erwähnte CD Perspective aufgenommen, auf der er sich zusammen mit Paul Motian und Marc Johnson auf lange und spannende Klang-Exkursionen begibt. Die Inspirationen auf dieser Platte reichen von Igor Strawinsky („One More For Igor“) über Miles Davis („Blues For Nefertiti“) und Chormusik der Renaissance („32 Seconds“) bis zu den Beatles („Because“). Die in der New Yorker Power Station aufgenommene Platte atmet noch heute eine unerhörte Modernität.

Muthspiels Trio mit Brian Blade und Matt Penman (bzw. dessen Vorgänger Marc Johnson) war leider nur ein einmaliges Projekt. Die daraus hervorgegangene CD Air, Love & Vitamin (Quinton) und der Vorgänger Real Book Stories, die an Marc Johnsons leider etwas untergegangene Verve-CD The Sound of Summer Running mit Bill Frisell und Pat Metheny von 1998 erinnern, werden keine Fortsetzung finden. „Ich hätte gern ein dauerhaftes Trio“, sinniert Wolfgang Muthspiel, „aber Brian und Matt haben einfach zu viel zu tun, um regelmäßig mit mir zu touren. Aber ich spiele jetzt mit Zwillingen aus Tirol und hoffe, dass daraus etwas Regelmäßiges wird.“

Mit der Sideman-Rolle scheinen die Tiroler Zwillinge keine Probleme zu haben. „Klar sind sie Sidemen, es gibt ja keinen Grund, da drumherum zu reden“, gibt Muthspiel zu. „Sie müssen aber auch viel Eigenes mitbringen, das ist mir wirklich extrem wichtig.“ Auch Muthspiels andere Projekte, die ihm viel Kritikerlob und vor allem Erfolg beim Publikum eingebracht haben, sind mittlerweile leider ad acta gelegt. „Rebekka Bakken hat jetzt ihre eigene Band“, erzählt Wolfgang Muthspiel. „Unser Duo gibt’s daher kaum noch, was eben auch wieder Zeitgünde hat.“

Den Zeiten, in denen er noch für das prestigeträchtige Verve-Label aufgenommen hat, trauert Wolfgang Muthspiel nicht hinterher. „Anfangs hat mir der große Apparat von Polygram geholfen“, attestiert er dem Konzern ganz unsentimental. „Aber später hat’s eigentlich nur noch genervt – man wusste nie, wer nun für einen zuständig ist, und hat mir gleichzeitig viel reingeredet. Es ist gut, dass ich jetzt mein eigenes Label habe.

 

 


Das Label heißt material und war eigentlich dazu gedacht, dass Wolfgang Muthspiel seine eigenen Aufnahmen ungefiltert veröffentlichen kann. „Es hatten sich so viele Projekte bei mir angestaut“, erinnert sich Muthspiel, „mit denen Polygram nichts anfangen konnte. Da dachte ich dann halt, ich schaffe mir mein eigenes Forum. Natürlich war’s dann doch mehr Arbeit, als ich vorher gedacht hätte, aber der Schritt hat sich definitiv gelohnt.“

Mit Beefolk hat sich der Ansatz, ausschließlich Muthspiel-Aufnahmen zu veröffentlichen, aber bereits gewandelt, und fürs Jahr 2005 sind viele weitere Releases geplant. „Der türkische Pianist Aydin Esen ist zum Beispiel eine tolle Entdeckung“, kann Muthspiel sich begeistern. „Von ihm wird es eine CD geben.“ Von Esen stammt auch die einzige Fremdkomposition auf Solo, das Stück „Beauty“.

Aber auch als Sideman ist Wolfgang Muthspiel nach wie vor heiß begehrt. Der amerikanische Pianist Mike Holober holte ihn für sein Canyon-Projekt, auf dem er zusammen mit Brian Blade, John Patitucci und Tim Ries zu hören ist. „Mike Holober habe ich bei einem Workshop in Tirol getroffen“, erzählt Wolfgang Muthspiel. „Ich habe großen Respekt vor seinem kompositorischen Ansatz. Seine Nummern sind nämlich nicht bloß Vehikel zum Drüberspielen, sondern richtig durchdachte Stücke mit einem langen Atem. Deshalb wollen auch solche Cracks wie Brian und John mit ihm spielen – seine Stücke sind eine echte Herausforderung.“

Wolfgang Muthspiel, der bereits 1997 den Hans Koller Preis als Musiker des Jahres erhielt und im letzten Jahr zum European Jazzmusician of the Year gewählt wurde, hat sich mit dem Soloalbum einen lang gehegten Traum erfüllt, indem er die üblichen Antriebe eines Musikers einmal beiseite gelassen hat. Ohne konkreten Plan begab Muthspiel sich ins Studio in Steinakirchen am Forst und ließ seinen reflektorischen Improvisationen freien Lauf. Vorbilder gab es aber schon: Keith Jarrett und Ralph Towner haben ihn mit ihren Solo-Exkursionen auf die Spur geführt. Besonders Pianisten machen ja irgendwann in ihrer Karriere das obligatorische Solo-Album. „Keith Jarrett war schon prägend für mich“, erzählt Wolfgang Muthspiel. „Er ist ein Musiker, bei dem ich immer wieder darüber staune, dass er den Mut hat, allein vor sein Publikum zu treten, und dann auch so viele zündende Ideen entwickelt. Die Solo-Aufnahmen von ihm sind ja Legion, aber vor allem die 10-LP-Box Sun Bar Konzerts, auf der er fünf komplette Solokonzerte in Japan aufzeichnen ließ, hat mich seinerzeit sehr beeindruckt. Und Ralph Toner, der vor zwanzig Jahren – als ich selbst noch fast ausschließlich klassische Musik spielte – mit einem Soloalbum auf ECM meine Ohren geöffnet hat, ist sicher ein Gitarrist, den ich nennen würde, wenn es um Solo-Aufnahmen geht.“

Diese Vorbilder hört man der Solo-CD von Muthspiel allerdings nicht an. Solo ist eine intime, selbstverständlich daherkommende Aufnahme, deren durchgängiges Grundgefühl Entspanntheit und eine seltsam lauschige Neugier vermittelt. „Mein einziges Ziel war, Musik zu machen, die sich während des Spielens richtig anfühlt“, meint er. „Dabei achtete ich weder darauf, ob die Musik, die entstand, einfach oder komplex ist, noch darauf, welche Szene sie bedienen könnte. Insofern ist es eine fast private Aufnahme. Es gibt einen Ort in uns allen, an dem wir allein sind. Dies kann ein schöner oder auch sehr einsamer Ort sein.“ Bei Wolfgang Muthspiel ist es definitiv ein schöner Ort.

Rolf Thomas