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Wolfgang Muthspiel

Notizen zu Mozart und zum Jazz
Wolfgang Muthspiel über die Magie der Klänge
musik-extra - 11/2006

Der Österreicher Wolfgang Muthspiel ist ein Jazzgitarrist wie kein anderer. Der "European Jazz Musician Of The Year 2003" erweist sich immer wieder als Brückenbauer zwischen den Stilen und setzt im Mozart-Jahr einen Kontrapunkt mit Prince und den Rolling Stones. Im Interview spricht er über sein neues Jazz-Trio, die Kraft einzelner Töne und erklärt, warum sein Vater ihn Wolfgang nannte.

teleschau: Herr Muthspiel, wer Ihre Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren verfolgt hat, rechnet mit allem. Sie haben unter anderem Klosterchoräle und Renaissance-Madrigale mit Jazz gemischt. Hatten Sie bei der Produktion Ihres neuen Albums "Bright Side" nicht Bedenken, dass Sie mit einer klassischen Trio-Formation ausgetretene Pfade beschreiten?

Wolfgang Muthspiel: Überhaupt nicht. Ich entwickele meine Musik intuitiv und aus dem Moment heraus. Da spielt für ein Projekt eher eine Rolle, mit wem ich im Moment zusammenarbeite. Wenn etwas von außen als konventionell wahrgenommen wird, dann ist das für mich allenfalls im Nachhinein interessant, aber so gehe ich selbst nicht an meine Musik heran.

teleschau: Bauen Sie kleine Versuchsanordnungen, indem Sie sich in eine bestimmte Formation stellen, um zu hören, was beim Zusammenspiel herauskommt?

Muthspiel: Das ist ein Aspekt. Das Wichtigste aber ist: Beim Improvisieren mit anderen Musikern gibt es eine erstrebenswerte Zone von Freiheit, in der man einfach die Augen schließt, und alles kommt von selbst. Alles, was mir hilfreich erscheint, um diese Zone zu erreichen, wird verwendet, denn es ist ja selbst bei versierten Mitspielern nicht so, dass gleich alles funktioniert. Ich beschäftige mich mit Line-ups, von denen ich glaube, dass wir gemeinsam frei spielen können. Der Moment, da man diese Zone erreicht hat, ist das Schönste, was einem Musiker passieren kann.

teleschau: Offenbar scheint die Chemie mit Matthias und Andreas Pichler, die auf "Bright Side" Bass und Schlagzeug spielen, zu stimmen. Ist diese Band - wie viele zuvor - nur auf ein Projekt angelegt, oder könnte das was auf Dauer sein?

Muthspiel: Wir planen, länger zusammen zu spielen, je nachdem, wie es sich entwickelt. Es ist sehr schön, dass ich mich mit den beiden jederzeit zum Musizieren treffen kann. So fließt immer wieder Neues ein, und die Stücke entwickeln sich. Mein letztes Trio hatte ich mit Brian Blade und Marc Johnson, und das war sehr erfüllend. Aber das sind Leute - die bekommt man für drei Wochen im Jahr und sonst sind sie ausgebucht.

teleschau: Wie ist die Zusammenarbeit mit den Pichler-Brüdern zu Stande gekommen?

Muthspiel: Ich hegte schon lange den Wunsch, mal mit Österreichern zu spielen, oder zumindest mit Musikern, die nicht allzu weit weg von Wien leben. Dann habe ich den Bassisten zufällig in einem Konzert gehört. Sein Spiel hat mir auf Anhieb gefallen, weil er so ein Verständnis vom Puls hat. Man merkt sofort, dass er vielen großen Bassisten aufmerksam zugehört hat - das ist nicht selbstverständlich. Ich fragte ihn, mit wem am Schlagzeug er gerne zusammenspielt, und da sagte er: "Mit meinem Zwillingsbruder." Das Gespann hat mich überzeugt.

teleschau: Wenn Sie Ihre neue Platte jemandem beschreiben, der Sie noch nicht kennt, was würden Sie als besonderes Kennzeichen nennen?

Muthspiel: Ich würde sagen, die Musik ist für ein Jazz-Trio sehr liedhaft und unabstrakt. Wir haben in all unseren Improvisationen versucht, nie kompliziert zu sein.

teleschau: Von wem fühlen Sie sich dabei am stärksten beeinflusst?

Muthspiel: Von dem Pianisten Brad Mehldau und dem tunesischen Vokalisten Youssef Dhafer. Beiden ist auch je ein Stück auf "Bright Side" gewidmet. Wobei Sie sich das so vorstellen müssen, dass man etwas schreibt und anschließend erkennt, dass Teile davon in ihrer Keimzelle an diese Musiker zu erinnern. Es ist nicht so, dass ich versuche, jemanden nachzuahmen.

teleschau: Was hören Sie als Gitarrist aus Ihrer Musik, das Sie an einen Sänger wie Dhafer erinnert?

Muthspiel: Dhafer packt sehr viel Emotionalität in einen einzelnen Ton, in einer Weise, die nicht vom Tonmaterial eines Stückes ablenkt. Bei ihm kann in diesem einzigen Ton schon alles drin stecken. Etwas Vergleichbares auf der Gitarre zu schaffen, ist nicht leicht, weil ihre Töne so rasch verklingen. Dass trotzdem jede Phrase lebt, ist ein Anliegen von mir.

 

 


teleschau: Tatsächlich fällt an "Bright Side" auf, dass viele Stücke als Ausgangspunkt einen einzelnen Ton haben, der stark rhythmisiert wiederholt wird.

Muthspiel: Ja, das ist in einigen Stücken die Technik des Tremolo, die man als klassischer Gitarrist lernt. Dazu müssen die Schüler bestimmte Etüden spielen und dem Einzelton ein Eigenleben geben. Das Tremolo ist eine Art Statussymbol unter klassischen Gitarristen. Zwei Nummern auf der Platte sind daran angelehnt und heißen auch "Etude", Nummer eins und zwei. Ich habe die Etüden im Unterricht nie sehr gemocht und irgendwann einfach selbst welche geschrieben. Die Herausforderung ist, um diese eintonigen Etüden ein Stück zu bauen und zu sehen, was harmonisch geht.

teleschau: Was beeindruckt sie am Pianisten Mehldau?

Muthspiel: Mir gefällt, wie unspekulativ er mit dem Material umgeht. Wenn er eine Popnummer, etwa von Radiohead, interpretiert, dann ist das für ihn kein Spiel, bei dem er sich als Arrangeur beweisen will. Er geht mit der gleichen Ernsthaftigkeit daranm wie an Jazz-Standards und taucht in die Songs ein. Wenn Jazzer Pop nachspielen, klingt ihre Version oft wie ein Kommentar zum Original. Bei Mehldau ist das anders, er ist sehr unzynisch.

teleschau: Für das Mozart-Jahr haben Sie mit Ihrem Bruder Christian ein ganz besonderes Projekt angekündigt: Sie wollen zu Mozarts Musik Songs von den Beatles und den Rolling Stones improvisieren. Wie soll das funktionieren?

Muthspiel: Christian hat ein Konzept erstellt, mit Mozart-Assoziationen umzugehen, ohne dass Mozart selbst erklingt. Dieses Jahr werden seine Stücke ohnehin rauf- und runtergespielt. Wir wollten einen Mozart-Beitrag ohne Mozart machen. Zum Beispiel hat mein Bruder Werke aus dem 20. Jahrhundert ausgewählt, die das Motiv der "Königin der Nacht" aufgreifen. Als Verknüpfung schreibt er Schleifen aus Fragmenten von Mozart-Stücken, und dazwischen werde ich über Pop- und Jazzsongs improvisieren, die ebenfalls einen inhaltlichen Bezug haben.

teleschau: Inhaltlichen Bezug?

Muthspiel: "Sometimes It Snows in April" von Prince kann man zum Beispiel als Requiem auffassen. Diese Art von Gemeinsamkeiten wird beleuchtet.

teleschau: Das klingt sehr verspielt.

Muthspiel: Und ist damit ganz nah dran an Mozart. Es wird in der klassischen Musik oft vergessen, welchen spielerischen Zugang er zur Musik hatte. So hat er eine Sinfonie in der Kutsche nach Linz geschrieben und dann beim Auftritt Klavierkadenzen von vorne bis hinten improvisiert.

teleschau: Welche Rolle spielt Mozart für einen Jazz-Musiker wie Sie?

Muthspiel: Ich bin mit seiner Musik aufgewachsen - mein Vater hat mich deshalb Wolfgang genannt, weil er so auf Mozart steht! Die Vorstellung von diesem herumreisenden Knaben, der in allen Adelshäusern vorspielt, das hat mich auch als Kind schon sehr beschäftigt.

teleschau: Sie sind als Musiker auch viel herumgekommen und haben 15 Jahre lang in den USA gelebt. Warum sind Sie 2002 nach Wien gegangen?

Muthspiel: Ich hatte nach all der Zeit einen Punkt erreicht, wo ich mir die Frage stellen musste: Bleibe ich für immer dort oder nicht? Da wollte ich Wien einfach ausprobieren. Mir gefällt es sehr gut und ich stelle in vielen Dingen fest, wie sehr ich doch Europäer bin.

teleschau: Wo erschien Ihnen die Jazzszene spannender: In Amerika oder Europa?

Muthspiel: Das kommt darauf an, welche Musik man meint. Wenn es beispielsweise um Rhythm Sections im Jazz geht, den Umgang mit Swing und Impuls, würde ich in jedem Fall sagen: New York. Andererseits gibt es eine Szene neuer Musik in Europa, die fantastisch ist, etwa in Norwegen oder mit der Flamenco-Szene in Spanien. Da traut man sich vieles, was am US-Markt nicht bestehen würde, weil in Europa die Veranstalter eben auch mit öffentlichen Geldern unterstützt werden. Hier geht es öfter um die Kunst als die Frage, wie viele Tickets verkauft wurden.

Marian Alfons