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CHRISTIAN MUTHSPIEL'S YODEL GROUP

"May"

Man muss sich die Lederhose und das Klimbim des Tümlichen wegdenken. Vom touristischen Blick befreit, verändern Jodler ihre Charakteristik. Sie schütteln das Pittoreske, Burleske ab und werden vom akustischen Kuriosum zum Urwüchsigen, Originalen. Natürlich gibt es Unterschiede. Nicht jeder Jodler hat das Zeug zur Kunst. Aber seine Ursprünge wurzeln in der Mischung aus Virtuosität und Gestaltungsfreude, die eine Basis bildet, um über das Erreichte hinaus zu wachsen. Jodeln ist daher eine in lokalen Traditionen des Alpenraums wurzelnde Vokalkunst, die eine ähnliche Funktion erfüllt wie der Flamenco für den Spanier oder das Joiken für den Samen. Es geht um Emotionen, individuellen Ausdruck im Verhältnis zum Althergebrachten, um kulturelle Identität.

Dabei ist Jodeln kein Privileg der Alpenländler. Als Form des wortlosen Gesangs mit schnellem, markantem Wechsel zwischen den Registern der Brust- und Kopfstimme findet man es bei den Pygmäen ebenso wie auf Hawaii, in Vietnam ebenso wie auf den Salomonen. In der musikalischen Volkskultur des Alpenraumes ist es jedoch besonders profund und umfassend in den gestalterischen  Klangzusammenhang eingebettet und bringt auf diese Weise Liedformen hervor, die auf komplexer, musikalisch raffinierter Grundlage archaisch einfach wirken. Das Jodeln bestimmt dabei die Melodieführung und damit auch die harmonische und rhythmische Gliederung vieler Stücke. Es ist nicht nur Ornament, sondern formprägender Bestandteil des Repertoires. Als solches wurde es in der Familie Muthspiel gepflegt, vom Vater gesammelt, publiziert, komponiert und mit Chören aufgeführt. Und vor diesem Hintergrund wird es auch vom Sohn in einen ungewohnten Zusammenhang gestellt.

Christian Muthspiel's Yodel Group entstand ursprünglich als Auftragsprojekt für das Jazzfestival Saalfelden 2009, wo die Musik auch zum ersten Mal öffentlich zu erleben war. Es war aber schnell klar, dass es bei dem einmaligen Event nicht bleiben würde – zu fein waren die musikalischen Ingredienzien, zu reizvoll die Klangkompetenzen der beteiligten Künstlerpersönlichkeiten. Immerhin trafen hier zwei erfahrene Formanarchisten der New Yorker Szene auf zwei Koryphäen der französisch-schweizerischen Avantgarde und zwei österreichische Freidenker, um sich auf die Suche nach Gemeinsamkeiten jenseits der panatlantischen Stilklischees zu begeben.
Heraus kam ein Kompendium der kulturellen Schnittpunkte, das sich auf der Grundlage vorhandener Melodien aus verschiedenen Distanzen dem Zeichensystem Jodeln nähert. Kontraste treffen auf Fusionen, Gemeinsamkeiten auf Unterschiede und doch ist klar, dass hier etwas passiert, was bislang selten in dieser Konsequenz verwirklicht wurde. Denn eine regionale, europäisch geprägte Kultur begegnet auf Augenhöhe und selbstbewusst ihrem urbanen, amerikanischen Pendant. Das ist gewagt, gewitzt und auf einer Ebene frech, die die Vorbehalte der Zweifler souverän hinter sich lässt.

Ralf Dombrowski


 

 

"Huljo"

Nach "may" (MRE 031-2) ist "huljo" nun also bereits die zweite CD mit meiner Yodel Group:

Ursprünglich, vor zwei Jahren, als einmalige Auftragsarbeit für die 30. Ausgabe des Jazzfestivals Saalfelden gedacht, wurde aus der Yodel Group eine langfristig agierende Band, die regelmäßig Tourneen unternimmt und sich aufgrund dieser Live-Tätigkeit musikalisch derart entwickelt hat, dass das Komponieren eines neuen Programms der logische nächste Schritt für mich war.

Zum einen wollte ich die Möglichkeit nützen, einem nunmehr zu einer vertrauten Einheit verschmolzenen, in einer Reihe von Konzerten erprobten Ensemble neue Stücke quasi auf den Leib zu schreiben und die gemeinsamen musikalischen Erfahrungen einfließen zu lassen. Zum anderen kamen bei der Komposition des ersten Programms "may" zu viele Jodler, die ich interpretieren wollte, nicht zum Zug und warteten seither auf ihren Einsatz als Grundlage meiner Übersetzung dieser uralten vokalen Volksmusik in die Sprache des Jazz. Außerdem hat mich die Rezeption des ersten Programms durch Publikum und Medien zusätzlich ermutigt, mit der Yodel Group neue Stücke aufzunehmen und in den kommenden Tourneen auch live zu spielen.

Die alpenländischen Jodler, einfach und gleichzeitig von höchstem Raffinement, ein archaisches Singen, Rufen, Jauchzen und Juchzen, waren ein zentraler Teil meiner musikalischen Sozialisation und somit Bestandteil des Soundtracks meiner Kindheit. Vom Vater gesammelt und aufgezeichnet, auf den Bergen mit Familie und Freunden gesungen, kann diese wunderbaren, mündlich überlieferten a cappella Gesänge selbst ein "Musikantenstadel" nicht zerstören.

Bei genauerer Beschäftigung mit den Jodlern des österreichischen Alpenraums sind mir grundlegende Parallelen zu Formen des Blues und Jazz aufgefallen. Sowohl formal als auch im melodischen und harmonischen Kontext ist der Weg der Übersetzung ein kürzerer als man auf den ersten Blick vermuten würde. Und so gab es sehr schnell die Erfahrung, dass die aus gänzlich unalpinen Gegenden wie New York oder Paris stammenden Musiker der Yodel Group auf Anhieb organisch und selbstverständlich mit dem musikalischen Material umgehen und es zur Grundlage ihrer Improvisationen machen konnten.

Meine Intention ist es, einer traditionellen volksmusikalischen Form, die ich seit frühester Kindheit sehr gut kenne, in alle möglichen Richtungen hin weiterzudenken, zu übersetzen, ihr ein neues musikalisches Umfeld, in diesem Fall den Jazz, angedeihen zu lassen, und dabei immer den jeweiligen Jodler als Ausgangspunkt und Grundlage klar hörbar zu machen. Eine Herangehensweise, die den "Blues der Alpen" nicht polemisch oder gar dekonstruktivistisch rezipiert, sondern altes Material kreativ als Spielfeld neuer Interpretationen benützt.

Christian Muthspiel