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MUTHSPIEL / JOHNSON / BLADE

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Wolfgang Muthspiel, guitars
Marc Johnson, bass
Brian Blade, drums
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Weltwoche Nummer 32, 2002-08-08

Jazz, Ohne dass wir den Schweiss riechen
Noch eine CD mit Standards? Beim Gitarristen Wolfgang Muthspiel klingen die Klassiker dennoch wie frisch erfunden.

An dieser CD ist nichts aussergewöhnlich. Oder alles. Sie heisst ‚Real Book Stories’, und unter dem ‚Real Book’ verstehen Jazzer das um die Klassiker der Moderne erweiterte ‚Great American Songbook’ – die ‚Standards’ plus jene Titel von Miles Davis, Theolonious Monk, Dave Brubeck oder weiss wem, die zu solchen geworden sind. Der eiserne Bestand, das kleinste gemeinsame Vielfache, der grösste gemeinsame Nenner aller Improvisatoren. Das, worauf sich alle, so oder anders, irgendwann und immer wieder beziehen. Womit jeder aufgewachsen ist, der Fundus an kollektiver Erinnerung. Da, nach einem berühmten Wort von Jean Paul, die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können, liegt über dem ‚Real Book’, auch wenn grimmige Anhänger der radikalen improvisatorischen Innovation in ihm eher eine Sammlung von Gemeinplätzen sehen, ein Glanz des Unfraglichen.
Allerdings erinnert sich jeder anders an ein und denselben Gegenstand. Jede Er-Innerung ist ein Vorgang der Aneignung (man muss das Wort nur wieder wörtlich lesen); sie verändert, verzerrt, verklärt das scheinbar Objektive. Unter den unzähligen ‚Standards’-Projekten, die uns seit Keith Jarretts Trio des gleichen Namens überschwemmten, findet sich viel kommerziell runtergenudelte Routine, aber eben auch ein paar Kostbarkeiten, die, wie eben Jarretts Kabinettstücke, das Altvertraute sozusagen neu erfinden: Meisterwerke der Einfühlung, welche die Vorlagen mit Individualität aufladen wie ein guter Schauspieler seinen Text. Shakespeares Richard III. ist, wenn wir so wollen, auch ein literarischer Gemeinplatz, aber wenn Gert Voss ihn spielt, erlebt man das Wunder der Verwandlung von Papier in einen dreidimensionalen Menschen (wie monströs der auch sei).
Von dieser Art sind die zehn Kapitel des ‚Real Book’, die der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel mit dem Bassisten Marc Johnson und dem Drummer Brian Blade aufschlägt. Motto für diese könnte der Titel einer von Muthspiels früheren Discs sein: ‚Loaded, Like New’.

 

 

 
 
 
 
 

 

Dass einem zur hinreissenden, aber keineswegs hinlänglich bekannten Ballade ‚Lament’ von J.J.Johnson etwas Neues einfällt, ist weiter nicht verwunderlich.Wenn er aber die zehntausenddreihundertachtundvierzigste Lesart von Jerome Kerns Hit ‚All the Things You Are’ anstimmt (die zahllosen Bebop-Travestien nicht gerechnet), ohne dass der geneigte Hörer müde abwinkt, ist das schon bemerkenswert. Bei Muthspiel & Co. knistert das genauso wie das Wälzerchen ‚Someday My Prince Will Come’ oder zwei andere Miles-Davis-Klassiker (‚Blue in Green’ und ‚Solar’), Kurt Weills ‚Liebeslied’ oder ‚I Hear a Rhapsody’, ein Standard, den Muthspiel aus seiner Zeit mit Gary Burton kennt. Dazu kommen Horace Silvers ‚Peace’ und Theolonious Monks ‚Ask Me Now’ (Letzteres spielte Muthspiel oft als Mitglied von Paul Motions Electric Bebop Band).

Organisches Wachstum
Selbst Coltranes Quintenzirkel-Karussell ‚Giant Steps’, eine eng gestrickte Etüde, die mit jedem Takt die Tonart wechselt, ist hier mehr als das Kabinettstück eines Schnellfingerkünstlers: ‚Je komplexer die Changes sind’, sagt Muthspiel richtig, ‚desto schwerer fällt es, wirklich darüber zu improvisieren und nicht in vorgefestigte Muster zu verfallen. Ich habe lange an dem Stück herumgeübt, und hier höre ich sozusagen offiziell mit dem Üben auf’. Das schafft er, und wie – nicht mit links, aber immerhin so locker, dass wir den Schweiss nicht riechen, den es ihn gekostet hat. Muthspiel ist ein grosser Melodiker. Dass er als klassischer Geiger begann, ist seinen Gitarrenlinien anzuhören, die er so organisch wachsen lässt wie Jim Hall die seinen: Er weiss, was er tut, vor allem aber, was er lässt. So selbstverständlich diese Musik klingt, so kunstvoll austariert ist sie. Unter den vielen Gitarrenscheiben ist ‚Real Book Stories’ nicht nur diesseits des Atlantiks seit langem die schönste: subtil, gleichzeitig cool und warm. Eine Musik, die ich, streifte das Wort nicht den Kitsch, herzensintelligent nennen würde. Heiss zu empfehlen.

Peter RÜEDI

Wolfgang Muthspiel/Marc Johnson/Brian Blade:
Real Book Stories, Quinton 0101-